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Nürnberger Deklaration 1991 - Flüchtlinge in der Bibel
Das Modell der christlichen Option für Flüchtlinge:
Kirche als Asylbewegung
von Rainer Krockauer
(Quelle:HANDBUCH DER ASYLARBEIT, ein Vernetzungs-Handbuch für alle, die sich haupt- und ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren, Herausgeber: Dankwart und Angelika von Loeper, VON LOEPER LITERATURVERLAG)
Durch die weit um sich greifende Fremdenabwehr und die nicht endenden Gewalttaten gegen Ausländer beginnen immer mehr Christen in unserem Land zu fragen, zu welcher Option einen das Evangelium in dieser geschichtlichen Situation nötigt und wer heute dessen bevorzugte Adressaten sind. Diese Frage stellen viele heute von den konkreten Begegnungen mit den Flüchtlingen her. Andere öffnen sich aufgrund dieser Frage den Begegnungen mit ihnen. Die Option für Flüchtlinge wird im Kontext einer diakonischen Kirche getroffen. Diakonisch heißt: Kirche beginnt sich vorrangig in den Dienst an der Welt und an ihren Menschen zu stellen. Zu einer diakonischen Kirche werden folglich Menschen, die für ihre Mitmenschen eine Offenheit zeigen wie Christus im Evangelium, die mit ihnen auf die Suche gehen, oft wohl eher tastend als wissend, die nicht den Anspruch haben, eine Moral durchzusetzen, Sicherheiten zu vermelden oder die Gesellschaft zu belehren, sondern die die Welt und die Menschen ihrer Zeit lieben und deswegen vor allem den Bedrängten dienen wollen.
Die Kirchen beginnen, sich durch diese Option für Flüchtlinge zu verändern. Sie werden in gewissen Sinne von innen umgestaltet. Kirche als Asylbewegung versucht auf den Begriff zu bringen, was einige Christen als einzelne und in Gruppen seit mehreren Jahren zu leben versuchen: Sie sind eine Kirche, die ihre Solidarität mit Flüchtlingen bekennt, sich schützend vor sie stellt und die Gemeinschaft mit ihnen sucht. Eine solche Kirche ist dabei, ein Ort zu werden, wo die Fremden nicht Fremde (oder sogar Feinde) bleiben, sondern zur Kirche selbst integrativ dazugehören. Durch dieses Engagement von der Basis her verändert sich auch das Selbstverständnis von Kirche. Kirche wird hier gedacht als ein Schutzraum für Bedrängte, die sich vom Wort Jesu herleitet: Was ihr für einen meiner geringsten (Schwestern und) Brüder getan habt, das habt ihr mir getan! (Mt. 25,40) Eine solche Kirche, die wir heute allerorts in, zwischen und am Rande unserer offiziellen Kirchen finden, ist der fragmentarische Versuch, die weltweite Option für die Armen am Beispiel der Option für die Flüchtlinge hierzulande zu leben. Insofern ist Kirche als Asylbewegung eines unserer Modelle dieser Option. Diese Kirche stellt keinen Katalog mit Forderungen für den Umgang mit Flüchtlingen vor, sondern baut sich primär vom persönlichen Zeugnis der Fremdenliebe und den vielen konkreten Anschauungsmodellen in Gemeinden her auf.
Literaturhinweise
Isak, R. (Hg.): Wir und die Fremden. Entstehung und Abbau von Ängsten. In: Tagungsberichte der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. Freiburg i. Br. 1993
Krockauer, R.: Abschieben oder Aufnehmen? Christen engagieren sich für Asylsuchende und Flüchtlinge. München (Kösel) 1990
Krockauer, R.: Kirche als Asylbewegung. Diakonische Kirchenbildung am Ort der Flüchtlinge. Stuttgart-Berlin-Köln (Kohlhammer) 1993
Müller, J. (Hg.): Flüchtlinge und Asyl. Politisch handeln aus christlicher Verantwortung. Frankfurt/M. (Knecht) 1990
Nürnberger Deklaration
Unser Staat sagt politisch Verfolgten uneingeschränktes Asylrecht und allen Flüchtlingen den Schutz ihrer Menschenwürde zu.
Wir sind besorgt, daß der gleiche Staat gegebene Garantien abschwächt und außer Kraft setzt. Wir fürchten um diese Republik, die aus Gründen tagespolitischer Opportunität diese Garantien zurücknehmen und zu einem Gnadenakt verkommen lassen will.
Wir haben aus unserer Geschichte leidvoll gelernt, daß das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit unter allen Umständen unverzichtbar sein muß.
Wir stellen fest, daß den meisten Flüchtlingen die Anerkennung im Asylverfahren verweigert wird. Viele abgelehnte Asylsuchende empfinden Furcht vor politischer Verfolgung, Tod, Folter, Verletzung ihrer Menschenwürde und existentieller Bedrohung. Diese Angst ist begründet, und wir nehmen sie ernst.
Wir sind fest davon überzeugt, daß es dem Staat nicht erlaubt ist, Menschen ihren Mördern und Folterern zuzuführen. Unser Gewissen schweigt nicht, wenn sich Behörden und Gerichte dazu hergeben, gefährdete Flüchtlinge abzuschieben. Unser Gewissen wird auch nicht ruhig, wenn die Abschiebung entsprechend einem gesetzlichen Verfahren geschieht.
Wir sind uns darüber klar, daß ein gedeihliches Zusammenleben aller Bürgerinnen und Bürger nur in gebotener Achtung vor der verfaßten Rechtsordnung unseres Staates möglich ist. Wir folgen der Stimme unseres Gewissens, wenn wir deshalb den Staat an die Einlösung gegebener Garantien erinnern. Notfalls schützen wir Flüchtlinge vor der Abschiebung.
In Erinnerung alter Tradition haben Christinnen und Christen, Gemeinden und andere begonnen, in kirchlichen Gebäuden oder in ihren Wohnungen Zuflucht zu gewähren. Wir sehen dies als letzte Möglichkeit und erfahren die Schwierigkeiten solcher Hilfe. Doch erfahren wir auch die Ermutigung, die für uns selbst und für viele andere davon ausgeht.
Wir appellieren an Christinnen und Christen, Gemeinden und Kirchen, ihren Auftrag ernst zu nehmen. Wir fordern, Kirchen, Gemeindehäuser und Wohnungen zu öffnen und zusammen mit Menschenrechts- und Flüchtlingsinitiativen im Eintreten für Flüchtlinge und in der Bewahrung und Verwirklichung der Menschenrechte mehr zu wagen als bisher.
In dieser Situation gibt es keine Zuschauenden, sondern nur Beteiligte.
Nürnberg, 20. Oktober 1991
Flüchtlinge in der Bibel
Gen. 12,10: Es kam aber eine Hungersnot über das Land. Da zog Abraham nach Ägypten hin-ab, um dort eine Weile zu verbleiben.
Gen 47,4: Josephs Brüder sagten zum Pharao: Wir sind gekommen als Fremdlinge im Lande zu wohnen...
Ex. 2, 11ff, vgl. Vers 15b: Der Pharao trachtete danach, Mose zu töten. Aber Mose floh vor dem Pharao und nahm Aufenthalt im Lande Midian.
Lev. 19, 33ff: Wenn ein Fremdling wohnt bei dir im Lande, so sollt ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Einheimischer aus eurer eigenen Mitte soll euch der Fremdling gelten, der bei euch wohnt, und sollst ihn lieben wie dich selbst - seid ihr doch auch Fremdlinge gewesen im Lande Ägypten.
(entsprechend Dtn. 10,19; vgl. Vers 17 u. 18)
Mt 25, 31 ff., bes. 35, 38, 43 f.: Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt.
Röm 12, 13: Nehmet euch der Bedürfnisse der Heiligen an; pfleget die Gastfreundschaft.
Hebr. 13,2: Die Gastfreundschaft vergesset nicht! denn durch diese haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
1. Chr 29, 15: Denn wir sind Gäste und Fremdlinge vor dir wie alle unsre Väter; wie ein Schatten sind unsere tage auf Erden.
Hebr. 13, 14: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.,